Dienstag, 28.04.2026 22:54 Uhr

Die gestohlene Dora Maar

Verantwortlicher Autor: Prof Der Peter Schroeder Paris, 28.04.2026, 15:57 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 457x gelesen
Dora Maar-Büste im Square Laurent Prache
Dora Maar-Büste im Square Laurent Prache  Bild: Schroeder

Paris [ENA] Wer während eines Spazierganges durch das 6. Arrondissement im Pariser Stadtgebiet Rive Gauche eine Pause einlegen möchte, ohne gleich ein halbes Monatssalär in einem der beiden legendären Cafés von Saint-Germain-des-Prés, dem Café de Flore oder Les Deux Magots, für einen Café Crème

oder einen Pastis auszugeben, dem bietet der gegenüberliegende, leicht zu übersehende Square Laurent Prache Schatten und Ruhe. Der Platz vor dem Eingang ist seit 2021 Juliette Greco gewidmet. Doch, wenn man den kleinen Square betritt, stösst man im Zentrum auf ein Memorial, ein Kopf auf einer Steinsäule. Unzweifelhaft stellt die Bronze einen Frauenkopf da. Doch die Inschrift auf dem steinernen Podest weist auf einen Mann, auf den Dichter Guillaume Apollinaire (1880-1918) hin. Um dieses keine Denkmal rankt sich eine kuriose Geschichte.

Dora Maar

Dora Maar war eine Künstlerin, die fast während des gesamten 20. Jahrhunderts gelebt hat. Sie wurde 1907 als Henriette Theodora Markovitch in Tours geboren und wuchs in Argentinien und Frankreich auf. Zunächst gab sie ihren Vornamen Henriette auf, dann änderte sie auch den Nachnamen. Dank guter Ausbildung, ihrer Reiseerfahrung und der Unterstützung ihrer Familie studierte sie zunächst Kunst und Malerei und wechselte dann an die École technique de photographie et de cinématographie.

1931 gründete sie gemeinsam mit dem Bühnenbildner und Fotografen Pierre Kéfer ein Fotostudio unter dem Namen „Kéfer – Dora Maar“. Der Erfolg stellte sich durch ihre Porträts, Aktfotografien, Mode- und Werbeaufnahmen schnell ein. Schon vorher konnte sie die Weltwirtschaftskrise von 1929 überstehen, indem sie mit ihrer Rolleiflex die am stärksten benachteiligten Mitglieder der Gesellschaft auf den Straßen von London, Paris und an der Costa Brava in der katalanischen Region Spaniens fotografierte. Bald hatte sie einen Namen.

Pablo Picasso

Pablo Picasso sah ihr Porträt bei Man Ray und wollte sie kennenlernen, was Ende 1935 oder Anfang 1936 geschah. So wurde sie in erster Linie seine Muse und Geliebte, in zweiter Linie blieb sie eigenständige Künstlerin – immerhin ermutigte Picasso sie, sich wieder der Malerei zuzuwenden. Die Liaison endete 1943, ebenso wie ihre Beschäftigung mit der Fotografie. Später, inzwischen in Ménerbes im Départment Vauclause in der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur lebend, malte sie Stilleben und Landschaften. Sie starb am 16. Juli 1979 in Paris. Heute ist sie vor allem als Muse für Picassos „Weinende Frau“ bekannt. Doch Maars Werk war an sich schon radikal, politisch und innovativ. Sie inspirierte Fotografen, die Surrealisten und Picasso selbst.

Der Diebstahl

„Für Guillaume Apollinaire.“ Wie erwähnt, lautet so die Inschrift der Büste auf dem kleinen Platz Place Laurent Prache, nur wenige Schritte vom Haupteingang der Kirche Saint-Germain-des-Prés entfernt. Die Skulptur stellt nicht den Dichter dar, der 1918 starb und ein enger Freund des ein Jahr jüngeren Picassos war, sondern Dora Maar. Mitten im besetzten Paris, 1941, verewigt Picasso ihre Züge in Bronze. Später wird die Büste „La Poesie“ benannt und es wird vermutetet, dass Picasso mit dieser Büste zwei der wahrscheinlich wichtigsten Menschen in seinem Leben ehren und an diesem symbolträchtigen Ort zusammenbringen wollte, denn beide waren legendäre Figuren in der intellektuellen Geschichte von Saint-Germain-de-Prés.

Die Büste wurde am 5. Juni 1959 eingeweiht, nicht ohne Drama. Der Dichter und Kunstkritiker André Salmon und Jean Cocteau wohnten der Zeremonie bei. André Breton und einige Surrealisten stürmten die Veranstaltungen wegen einer jahrelangen künstlerischen Fehde mit Cocteau. Picasso selbst und André Malraux, Kultusminister in der gerade ein Vierteljahr alten Fünften Republik unter Charles de Gaulle waren nicht anwesend. 40 Jahre später, am Morgen des 31. März 1991, bemerkten Nachbarn und Passanten, dass der Sockel leer war. Dora Maar war verschwunden! Meißelspuren bewiesen, dass das Werk gestohlen worden war. Die Diebe schienen es dem illegalen Kunstmarkt übereignet zu haben.

Der Fund

Fast zehn Jahre später, im April 2000, besuchte der pensionierte Kunstliebhaber Ange Tomaselli das Château de Grouchy, das 30 Kilometer nordwestlich von Paris liegt. Das Château ist zugleich Kunststätte und Rathaus des im Département Val-d’Oise gelegenen Ortes Osny. Tomaselli bemerkte in der Haupthalle eine Statue, die er sogleich Picasso zuordnete. Als er den Bürgermeister nach der Provenienz fragte, verneinte dieser den Künstler als Urheber und sagte, die Büste sei von Waldarbeitern in einem Waldgebiet nahe den Gärten des Schlosses gefunden worden.

Die Kulturbehörden des Ortes fanden die Büste originell genug, um sie auszustellen, fragten sogar die Direction Régionale des Affaires Culturelles (DRAC), wo niemand vermutete, dass es sich um den gestohlenen Picasso handeln könnte. Tomaselli fand dann in einem Kunstbuch eine Abbildung der Büste mit der Bildunterschrift, dass diese 1999 gestohlen worden sei. Das Pariser Rathaus wurde informiert und leitete sogleich rechtliche Schritte wegen Hehlerei gegen die Kollegen in Osny ein.

Die Rückkehr

Nachdem der Bürgermeister den aus seiner Unkenntnis resultierenden Fehler eingestanden hatte, kehrte die Büste ohne viel Federlesens an ihren Standort zurück – so diskret, dass bis heute Vermutungen bestehen, es handele sich nicht um das Original, sondern nur um eine Kopie. Sicher ist, dass die Büste seit 25 Jahren zurückgekehrt ist. Wenn sie sprechen könnte, hätte sie viel zu erzählen: Warum ist ein Werk von Picasso unerkannt geblieben? Warum wurde sie im Park des Chateaus „entsorgt“? Der rastende Passant erlebt wieder die Freude, sie zu sehen und wenn er mehr über Dora Maar erfahren möchte, kann er oder sie Dora Maars Leben in Louise Barings, im New Yorker Rizzoli Verlag verlegte Buch nachvollziehen.

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